Leadership
Von Kristina Santl
Habt ihr euch schon einmal ganz krampfhaft an etwas festgehalten? Zum Beispiel früher als Kind, im Sportunterricht an diesen Seilen beim Turnen. Die über dicken Turnmatten hingen und das Ziel war, möglichst hoch zu kommen?
Ich war immer schon umgangssprachlich ein "Lauch" was die Kraft in meinen Armen betraf - typisch Mädchen, um im Stereotyp zu bleiben. Und ich konnte mich dort wirklich nie lange halten, geschweige denn sehr hoch klettern. Natürlich habe ich es versucht. Und beim "Weg nach unten", war ich auch eher Marke "Angsthase". Einfach runter springen und auf die Matte fallen lassen? Da war ich schon als Kind die, die sich die wildesten Knochenbruchszenarien ausmalte. Sprich, ich musste dort immer langsam runter. Bedeutet: Festhalten. Und am Ende Schwielen an den Fingern und 3 Tage Schmerzen in den Armen.
Bis ich es einmal probiert habe. Motiviert von einem sehr freundlichen Sportlehrer und ein paar netten Freunden. Probiere es doch mal! Von der Höhe kannst du springen. Dir passiert nichts. Das macht Spaß. Augen zu und loslassen. Passiert ist mir nichts und die 3 Tage Schmerzen blieben ebenso aus, wie die sich langsam abschälenden Hautpartien.
Die Moral von der Geschichte? Loslassen hat mir Schmerz und Verletzung erspart und meine Besorgnis über das nicht eintretende Ergebnis eines komplett weich gepolsterten Falls war vollkommen unberechtigt und nur in meinem Kopf.
Schöne Geschichte und warum erzählt sie uns das jetzt? Und vor allem in einem Blog über Organisations- und Führungskräfteentwicklung? Weil es zu dem passt, was ich in meiner täglichen Arbeit erlebe. In den unterschiedlichsten Ausprägungen.
Um wieder bildlich zu sprechen, gehe ich durch eine Turnhalle voller Kletterseile mit daran klammernden Führungskräften. Und die Fantasien dieser Führungskräfte übersteigen meine Knochenbruchzukunft noch um ein Vielfaches. Liegen dort unten nicht die Gefahren des "wir verlieren unsere Kunden"; "die Mitarbeiter sind dann alle unzufrieden"; "der Vorstand möchte das so nicht haben"; "darüber müssen wir mit dem Betriebsrat diskutieren"; "damit sind die Mitarbeiter noch völlig überfordert" und so weiter und sofort. Die Liste der Gefahren in dieser Unternehmensturnhalle ist lang und keine Turnmatte weich und einladend genug.
So stehen wir sehr oft neben unseren Kunden, deren Finger schon bluten (Überarbeitung, Überforderung, Stress, Burn Out) und die an diesem rauen und unbequemen Seil, nur 10 Zentimeter über der weichen gepolsterten Matte hängen, und überlegen, mit welchen Interventionen wir "der liebe Sportlehrer" sein können, der ihnen die Hand reicht um sich zu trauen loszulassen.
Ja, natürlich überzeichne ich völlig - vielleicht ein bisschen provokativ. Aber, immer in dem vollen Wissen, dass alle meine Klientinnen immer und vollständig in der Lage sind, ihre Probleme ganz einfach zu lösen. Jeder von ihnen kann einfach loslassen und ist vollständig in der Lage, sich einfach in die weiche Matte fallen zu lassen.
Warum? Warum sind wir so gestrickt, lieber bis zur vollständigen Erschöpfung und bis zur Verletzung an etwas festzuhalten, anstatt "einfach" loszulassen.
Ist es die Angst vor Veränderung? Sicherlich manchmal. Wir begleiten Veränderungen in unserem Berufsleben. Täglich und mehrfach. Und sie werden immer noch mehr. Die Zyklen immer noch kleiner. Und manchmal habe ich den Eindruck, je kürzer die Zyklen werden, umso heftiger wird die Abwehr. Und ist das nicht etwas, was man von sich selbst auch kennt. Die Sehnsucht nach Stabilität und etwas "berechenbaren". Vor allem einem berechenbaren Umfeld? Menschen die man einschätzen kann. Die so "funktionieren" wie man es gerne hätte oder wie man es sich vorstellt?
Was macht Veränderung, anders sein, etwas anders machen so "unheimlich"? Woher kommt diese Prägung? Alles Fragen, die man natürlich aus der Vergangenheit, aus jeder eigenen Lebensgeschichte und aus jeglicher einschlägiger Literatur in großer Ausführung beantworten kann. Ich möchte es aber gar nicht beantworten. Viel lieber zum Nachdenken anregen. Auch dazu - wo lässt du nicht los? Was in deinem (Berufs-)Leben hältst du fest? Oder auch an wem? Was darf sich nicht ändern, nicht anders gemacht werden? Wir haben alle solche Themen. Seien es Menschen, Dinge, Prozesse, Situationen, Abläufe. An irgendwas halten wir fest. Und das oftmals bis zu dem Punkt, an dem es wirklich ungesund für uns und oft auch für die Beteiligten drum herum wird.
Es blockiert. Uns selbst und unsere Entwicklung. Im Unternehmenskontext im Repertoire einer Führungskraft auch oft eine ganze Unternehmensentwicklung. Beginnend im kleinen, im eigenen Team und auch darüber hinaus.
Ein auch viel zitierter Spruch in meinem bisherigen Berufsleben: "Der Fisch stinkt vom Kopf, positiv wie negativ". Auch wenn ich kein Fan davon bin, ausschließlich der einzelnen Führungskraft immer alles in die Schuhe zu schieben - nicht umsonst bin ich Systemikerin geworden - das etwas ist, wie es ist, hat immer mehr als nur einen Protagonisten oder Blickwinkel der zu betrachten ist.
Dennoch wird die Wirkung von Führungskräften (vor allem von ihnen selbst) oftmals nach wie vor unterschätzt. Führung wirkt immer. Und selbst die lockerste Führungskraft, die loslassen kann und dem "Lassen" (zulassen, sein lassen, los lassen, geschehen lassen, entwickeln lassen etc.) in allen Formen mächtig ist, ist dennoch geprägt von ihren Co-Führungskräften und ihrer Führungskraft darüber (Systemikerin ;-)). Das bedeutet: ist im System eine stark genug wirkende Tendenz (entweder durch eine sehr hohe Position oder auch durch "die Mehrheit"), die Festhalten in Reinform praktikziert bis zum Exodus, dann wird das abfärben. Auf die ein oder andere Art. Es wird Auswirkungen haben auf diese des "Lassens" so mächtige Führungskraft. Und es entstehen Muster. Die sich auch immer wieder selbst erhalten, solange nicht genug Personen aus ihnen (den Mustern) aussteigen. Die Grundgesamtheit muss groß genug sein um wirkmächtig zu werden. Loslassen muss also das ganze System lernen - damit Muster unterbrochen werden. Denn natürlich hat das Festhalten, egal wie viel man "jammert" von allen Seiten, auch seine Vorteile - es fallen euch bestimmt welche ein wenn ihr ehrlich zu euch seid.
Den Prozess des Loslassens zu begleiten, ist ein Geschenk. Lehrt er einem doch immer auch wieder, wo man selbst noch festhält. Erkennt man doch auch immer wieder einen Teil seiner selbst in allem, denn man kann ja auch nur das beobachten, was man selbst auch (zum Teil) ist (oder war).
Was bedeutet Loslassen in deiner Organisation? Wo klammern sich Teams an alte Prozesse, überholte Rollen oder liebgewonnene Sicherheiten? Wo tust du es selbst?
Lust, gemeinsam den Mut-Muskel fürs Loslassen zu trainieren? Wir begleiten Organisationen dabei, den Sprung auf die Matte zu wagen – mit System, Erfahrung und einem klaren Blick von außen. Schreib mir und wir verabreden und für ein erstes unverbindliches Gespräch.